Chancen

Die berühmte „tentative agenda“ unserer mongolischen Fädenzieherin und zentrum des hiesigen DDH-Universums, Dr. Bayalag Munkhuu, für unseren ersten Arbeitstag klang völlig harmlos und entspannt. Aber eben: TENTATIVE. Grüezi sagen, überall einen kleinen Besuch abstatten, sich selber und anderen auf die Schultern klopfen…
Was tatsächlich stattfand, war zunächst eine Sitzung mit dem Direktor unserer Indexklinik NCMCH (national center for maternal and child’s health) Prof. Enkthur. Sonst souverän und selbstbewusst, zeigte er sich heute dünnhäutig und verunsichert. Wie vermutlich ein Grossteil der Mongolen wurde er überrascht vom Umstand, dass die Kommunisten mit überwältigender Mehrheit wieder an die Macht gewählt worden sind. Dies ist zwar vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Mongolei zu 80% „auf Pump“ ihrer beiden Nachbarstaaten China und Russland lebt (Schulden, die voraussichtlich nie wieder zurückgezahlt werden können – Hellas lässt grüssen) verständlich, trifft jedoch das ökonomisch schlingernde Land im Mark. Alles wird umgekrempelt, kein Job im Einfluss der Regierung ist mehr sicher. Entsprechend auch nicht sein eigener… Er gehr davon aus, dass für Gesundheitsprävention in den kommenden 4 Jahren kein Geld zur Verfügung gestellt werden kann und bittet uns inständig, unser Projekt weiterzuführen und einfach bloss nicht aufzugeben. Auch wenn wir gern zunehmend Verantwortung an die Mongolen abgeben würden, wir sichern ihm unsere Unterstützung zu. 
Noch aufgewühlt von diesem Meeting werden wir zu „Suvdaa’s room“ geführt, die Ultraschallkammer unserer Kinderradiologin der ersten Stunde. Wir kommen kaum durch, der Zugang ist von dutzenden Eltern mit ihren Kindern unterschiedlichen Alters zugestopft. Es folgt eine eindrückliche, bewegende Sprechstunde. Wir sehen gegen 20 Kinder zwischen 1 Monat und 15 Jahren. Den meisten können wir nicht helfen, fast alle leiden unter schweren Hüftleiden. Das macht uns einerseits traurig, weil ihr Schicksal längerfristig von Behinderung geprägt sein wird. Andererseits zeigt es uns wieder auf, wie wichtig es eben ist/wäre, genau dieses Schicksal zu vermeiden. Die Prävention der DDH (Hüftdysplasie) mit unserem System funktionier! Schwierig bis hoffnungslos ist die Situation hingegen bei sekundären Dysplasien, ausgelöst zB durch Infektionen und bei den verpassten Fällen. Stellvertretend dafür die wackelnd anhinkende Adoleszente mit beidseitiger hoher Hüftluxation – wegen Schmerzen und Behinderung vieler Chancen beraubt, welche ihre Altersgenossinnen nutzen und geniessen können.