{"id":2654,"date":"2014-06-04T08:53:00","date_gmt":"2014-06-04T08:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/80.74.142.100\/plesk-site-preview\/sipp.swiss\/https\/80.74.142.100\/blog-artikel\/voellig-surreal-4-6-2014-3\/"},"modified":"2014-06-04T08:53:00","modified_gmt":"2014-06-04T08:53:00","slug":"voellig-surreal-4-6-2014-3","status":"publish","type":"blog","link":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/blog\/voellig-surreal-4-6-2014-3\/","title":{"rendered":"V\u00f6llig surreal 4.6.2014"},"content":{"rendered":"<p>Kann man solche Eindr\u00fccke \u00fcberhaupt in Worte fassen? Wir alle drei sind \u00fcberw\u00e4ltigt von den Eindr\u00fccken, Emotionen und Szenen, die wir heute erleben durften.\u00a0<br \/>\nSchon der Morgen, den wir noch im Spital mit praktischen \u00dcbungen verbrachten, kann man nicht mit einem normalen H\u00fcftsonokurs, wie wir sie in der Schweiz machen vergleichen. Neben den vielen Neugeborenen, die wieder in der Nacht auf die Welt kamen, kommen pl\u00f6tzlich von \u00fcberall her grosse Kinder mit Pavlikbandagen, Hinken unklarer \u00c4tiologie und irgendwelchen sonstigen speziellen Geschichten. So sind 3 Kinder \u00e4lter als 12 Monate mit Pavlikbandagen im Traumazentrum in UB behandelt worden, anamnestisch auf Grund fehlender H\u00fcftkopfkernen mit 6 Monaten oder asymmetrischen H\u00fcftkopfkernen aber keines aus tats\u00e4chlichen Indikationen. Hier besteht weiterhin grosser Aufkl\u00e4rungsbedarf der mongolischen Orthop\u00e4den. Wie ber\u00fchrend war doch das Strahlen auf den Gesichtern der M\u00fctter, wenn wir ihnen sagen, dass sie die Holzknebel zwischen den F\u00fcssen der Kinder weglassen d\u00fcrfen und die Kinder endlich laufen lernen k\u00f6nnen. Bei den skeptischen M\u00fctter sagt Bayalag ihren ber\u00fchmten Spruch: \u201ethe swiss doctor will adopt your child if he will be disabled later\u201c nach ihr funktioniere das immer. Wir hoffen, wir k\u00f6nnen sie gen\u00fcgend \u00fcberzeugen und die Kinder werden nicht unn\u00f6tig weiteren R\u00f6ntgenstrahlen (sie werden hier ohne Gonadenschutz ger\u00f6ntgt) ausgesetzt. Ein Kind hatte mit 15 Monaten tats\u00e4chlich schon 8 R\u00f6ntgen ohne Schutz des Unterleibes, den Grund k\u00f6nnen wir nicht nachvollziehen.<br \/>\nLeider k\u00f6nnen wir aber nicht allen so gute Nachrichten \u00fcberbringen, ein siebenj\u00e4hriges M\u00e4dchen mit vollst\u00e4ndiger H\u00fcftkopfnekrose unklarer Aetiologie werden wir am Freitag Dr. Winiker und seinem Team vorstellen m\u00fcssen. Einer anderen Grossmutter m\u00fcsssen wir erkl\u00e4ren, dass wir das Hinken ihres Enkels nicht heilen k\u00f6nnen, da es sich um eine Cerebralparese handelt und hoffen, sie k\u00f6nnen hier mit Physiotherapie das Fortschreiten der Kontrakturen und Spasmen verlangsamen. Aber wie geht man in eine regelm\u00e4ssige Physiotherapie, wenn man ein paar Reitstunden weg vom Zentrum wohnt?<br \/>\nAuch f\u00fcr uns ist es eine neue Erfahrung sogar bei einem 3 j\u00e4hrigen M\u00e4dchen noch die H\u00fcfte zu schallen, aber es funktioniert. Die Teilnehmer haben \u00fcber die 3 Tage grosse Fortschritte gemacht und wir hoffen, dass sie nach unserer Abreise mit dem Screenen zurecht kommen. Zum Abschluss des Kurses gibt es noch ein Gruppenfoto mit dem Chef, Dr. Bimba und allen 19 Teilnehmer.\u00a0<br \/>\nNach einem kurzen Picknick geht es los auf den von Davaa und ihren Eltern so lieb organisierten Ausflug. Neben unserem Gr\u00fcppchen kommen auch heute Dr.Bimba, der Finanzchef des Spitals sowie 4 weitere \u00c4rztinnen mit. Bei der Autofahrt mit dem Vater von Davaa, dem lokalen Tierarzt, erfahren wir, dass zu den 3800 Einwohnern des Heimatdorfes Davaa\u2019s 218&#8217;000 Vieh geh\u00f6rt, welches wie \u00fcberall frei in den unglaublichen Weiten weidet. Davon sind es 300 Kamele, 10&#8217;000 Pferde, 8&#8217;000 Yak\/K\u00fche, 43&#8217;000 Schafe, der Rest sind Kashmirziegen. Neben diesem Nutzvieh gibt es noch 600 Hunde und ca. 300 Katzen, welche aber nicht tier\u00e4rztlich versorgt werden.<br \/>\nIm kleinen regionalen Spital bzw. Gesundheitszentrum, welches von Davaa\u2019s Mutter seit 28 Jahren gef\u00fchrt wird, werden wir zu einem Kaffee und \u00fcberraschend guten, pastellfarbenen Kuchen eingeladen.<br \/>\nAls einzige \u00c4rztin zusammen mit einer Hebamme und einer Krankenschwester versorgt sie die 3800 Einwohner, macht Geburten, Impfungen, Notf\u00e4lle. Sie haben hier tats\u00e4chlich sogar eine Reanimationseinheit f\u00fcr Neugeborene und einen Inkubator, etwas was wir in Bayan-Ulgji sogar im General Hospital vermisst haben. Nach einem kurzen Katz und Mausspiel zwischen unseren Ambulanzfahrzeugen und dem Kameltreiber, der extra die 10km von der W\u00fcste Gobi in unsere N\u00e4he reitet, d\u00fcrfen wir unser erstes Highlight dieses unvergesslichen Tages erleben. Bald realisieren wir auch, wieso wir etwas l\u00e4nger suchen mussten: dieser wettergegerbte, traditionell gekleidete Kameltreiber galoppiert mit seinen beiden Kamelen so schnell \u00fcber die H\u00fcgel der Steppe, dass unsere chinesischen und russischen Gel\u00e4ndewagen auf den sandigen Pfaden keine Chance haben und ausnahmsweise k\u00f6nnen sie nicht mit Handys kommunizieren. Wir haben kein Problem, sind wir doch schon hier einmal mehr fasziniert von der unbeschreiblich sch\u00f6nen, in allen Gr\u00fcn- und Braunt\u00f6nen leuchtenden Landschaft mit den 1000enden von Viehherden.<br \/>\nWir erfahren, dass der Kameltreiber den zwei mitgebrachten Kamelen extra den Sommerhaarschnitt noch nicht verpasst hat, damit wir diese w\u00e4rmende flauschige Wolle sp\u00fcren k\u00f6nnen, wenn wir im wogenden Schritt unsere Runden reiten. Er besitzt 80 Kamele, diese werden va. f\u00fcr die Wolle, f\u00fcr Airag (hier also vergorene Kamelmilch, was besonders gesund sein soll) und f\u00fcr die Umz\u00fcge der nomadischen Bev\u00f6lkerung gebraucht. Wie ein Lohnunternehmer, leiht er seine Kamele aus, wenn die Nomaden ihre 4-6mal im Jahr alle Jurten abbrechen, um an einem neuen Fleck gutes Weideland f\u00fcr ihre Tiere zu finden, im Winter manchmal auch um statt auf Pferden die Herden einzutreiben, da es zwischen den H\u00f6ckern auf dieser dicken Wolle sch\u00f6n warm ist. Sogar Reto setzt sich nach anf\u00e4nglicher Skepsis auf diese eindr\u00fccklichen Tiere und kann nur noch seinen Lieblingsspruch: \u201eisch das n\u00f6d surreal\u201c von oben runter rufen.\u00a0<br \/>\nAber ich muss ihm im Verlauf des Nachmittags und Abends rechtgeben. Es ist tats\u00e4chlich fast surreal, wie hier die 3 kleinen schweizer Kinder\u00e4rzte wie F\u00fcrsten empfangen und verw\u00f6hnt werden, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck wir haben auf so nette Leute zu treffen und in diese f\u00fcr uns unglaubliche Natur gefahren\/geritten werden und das alles erst noch bei besten Wetterverh\u00e4ltnissen. Nachdem der Kameltreiber mit seinen Tieren in einem unglaublichen Tempo \u00fcber die H\u00fcgel verschwunden ist, geht unser Ausflug weiter zu 3 Jurten in the middle of nowhere.<br \/>\nMit den Ambulanzen geht es quer Feld ein durch kleine Fl\u00fcsse und B\u00e4che, bis sie feins\u00e4uberlich in Reih und Glied nebeneinander parkiert werden. In der Jurte werden wir mit frischem Joghurt und mongolischem K\u00e4se empfangen. Es gilt klare Sitzordnung einzuhalten. Das Oberhaupt der Familie sitzt gegen\u00fcber der T\u00fcre, links daneben unser Gastgeber Davaa\u2019s Vater und rechts Dogi und Ogi (was ich sp\u00e4ter erl\u00e4utern will). Mein Vorteil ist, dass ich zuerst zuschauen kann wie man sich den angebotenen Schnupftabak weiterzureichen hat, um dann nicht die selben Fehler wie Reto zu machen;-)). Trotzdem wird es f\u00fcr mich als Linksh\u00e4nderin zu einer motorischen Herausforderung , die sowohl vom Oberhaupt wie auch vom Gastgeber herumgereichten\u00a0 Fl\u00e4schchen korrekt entgegenzunehmen und auch wieder weiterzugeben.<br \/>\nBei sch\u00f6nstem Abendlicht wird draussen vorgef\u00fchrt wie man einen richtiges mongolisches Grillgericht bereitet. Im nur aus Mist bestehendem Feuer werden gesammelte Steine heiss gemacht. In eine Milchbr\u00e4nte (fr\u00fcher aus Leder bereitete Tasche) werden schichtweise wilde Steppenzwiebeln, Kartoffeln, Karotten, grob zerkleinerte Ziege\u00a0 und dann eben diese heissen Steine getan. Ohne zus\u00e4tzlichem Wasser wird dann der hermetisch geschlossene Topf, wie ein Dampfkochtopf auf das Dung-Feuer gestellt, um weiter zu schmoren.<br \/>\nIn der Zwischenzeit k\u00f6nnen wir uns an der in immer sch\u00f6nerem Licht leuchtenden Landschaft kaum satt sehen, w\u00e4hrend sich unsere Gastfreunde in den mitgebrachten Campingst\u00fchlen und auf den saftigen Matten wahrscheinlich lustig machen, wie wir sogar den sch\u00f6n gestapelten Misthaufen und die hier wie Spatzen herumfliegenden Alpenkr\u00e4hen (die gem\u00e4ss unserem Ornithologen in der Schweiz ausgestorben sind aber eigentlich aussehen wie hundsgew\u00f6hnliche Kr\u00e4hen einfach mit rotem Schnabel&#8230;) fotografieren. Da wir uns zu weit entfernen, m\u00fcssen sie uns mit der Ambulanzsirene zur\u00fcckrufen als das Essen bereit steht. Zum Gl\u00fcck merkt es auch Petrign, der wiedermal seinen Bewegungsdrang befriedigen musste und quer \u00fcber die Matten joggt. Die Gastfamilie bietet ihm sofort einen Sommerjob als Rindereintreiber an, da m\u00fcsse man auch die ganze Zeit herumjoggen.\u00a0<br \/>\nObwohl es etwas \u201eb\u00f6ckelet\u201c und es f\u00fcr uns eher ungewohnt ist ganze Femur oder Humeri abzunagen, schmeckt der mongolische Grill und v.a. auch die Fleischbr\u00fche, die in diesem Schmoressen entstanden ist, gut. Der leichte Stallgeschmack kommt ev. daher, dass die Steine ja direkt aus diesem Dung-Feuer genommen werden und mit dem Essen zusammen im Topf sind. Bevor man anf\u00e4ngt, werden die heissen Steine als Gl\u00fccksritual von der einen Hand in die andere geworfen, bis sie abgek\u00fchlt sind.\u00a0<br \/>\nW\u00e4hrend unsere Begleiter bei pl\u00f6tzlich aufziehenden Wolken zum Kartenspiel in die Jurte gehen, geniessen wir weiter die Landschaft und schauen erstaunt zu, wie das Oberhaupt mit seinem Pferd die Ziegenherde zusammentreibt und dann auf f\u00fcr uns unerkl\u00e4rliche Weise es schafft die Jungen von den alten Ziegen zu trennen. Er scheut die Herde mit der Urga, einer sehr langen Peitsche\/Lasso, auf und vertreibt die Jungen dann in die entgegengesetzte Richtung wie die Alten. Die Kleinen meckern erb\u00e4rmlich aber nach einer halben Stunde kommt er pl\u00f6tzlich von weit her mit einer kleinen erwachsenen Ziegenherde, die anscheinend keine milchgebenden Muttertiere mehr drin hat. Dieses aufwendige Prozedere wird zweimal am Tag gemacht, damit er dann die\u00a0 gef\u00fcllten Euter der Mutterziegen melken kann. Erst dann d\u00fcrfen die Kleinen wieder zur Mutter und bekommen noch die restliche Milch.\u00a0<br \/>\nDie Regenwolken verziehen sich, bevor sie sich entleeren und unsere Gastgeber laden uns zum xten obligatorischen Wodka ein. F\u00fcr meine m\u00e4nnlichen Begleiter ist es schwierig sich dagegen zu wehren. Mit romantischem Abendrot im Hintergrund stimmt die ganze Gruppe pl\u00f6tzlich ein sch\u00f6nes mongolisches Lied ein und erwartet, dass wir uns mit einem schweizer Lied revanchieren. Wir scheinen ausser den Oberschunkel-Lieder wie Buureb\u00fcebli kein gemeinsames zu kennen, so dass Petrign ein italienisches Alpenlied und ich ein Kinderschlaflied\u00a0 vorsinge. Man hat das Gef\u00fchl, dass nicht nur wir diesen wunderbaren Abend geniessen und es wird schwierig Abschied zu nehmen als die Sonne untergeht und es sofort empfindlich kalt wird.\u00a0<br \/>\nDa Davaa bei ihren Eltern \u00fcbernachten geht, fahren wir wieder mit den Ambulanzen zur\u00fcck in die Stadt. Die Tatsache ein Blaulicht und Sirene auf dem Dach zu haben wird schamlos ausgenutzt. Laufen die Ziegen wahllos auf dem Weg oder f\u00e4hrt zur\u00fcck in der Stadt ein Auto zu langsam wird sie angestellt. Ich werde zusammen mit dem Chefarzt und dem Finanzdirektor in die eine Ambulanz gesetzt und Dr. Bimba entpuppt sich als ziemlich gut englisch sprechend und kann mir noch mehr \u00fcber sich und sein Team mit bewunderswertem Teamspirit erz\u00e4hlen.\u00a0<br \/>\nZur\u00fcck im Hotel haben wir das Bed\u00fcrfnis diesen alles toppenden Tag noch ausklingen zu lassen und werden fast sentimental, wenn wir daran denken am morgigen Tag zur\u00fcck ins l\u00e4rmende und stickige UB zu fahren.<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<br \/>\n\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1513,"template":"","class_list":["post-2654","blog","type-blog","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/2654","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/blog"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/2654\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sipp.swiss\/mn\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2654"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}